Sonntag, 30. Januar 2011

Puchberg













Theo wollte mal den Felsen in El Cabrito wegsprengen, damit die Sonne länger auf den Strand scheint. Daran dachte ich, als wir in Puchberg den verfrühten Sonnenuntergang Ende Januar erlebten. Auch hier könnte eine Sprengung helfen, wieder ein wenig Licht in einen Ort zu bringen, der abgenutzt von seiner genialen Lage am Schneeberg, niedergetrampelt von den blutsaugenden Städtern, kulturell trockengelegt, aber gut versorgt mit Supermärkten ins Dunkel fiel.



Samstag, 22. Januar 2011

Dante's Inferno in Rust/Neusiedler See


Ist es nicht mächtig gelungen, das neugebaute Rehabzentrum von Pro Mente? Wieviel Gefühl muss ein Architekt haben, einen Komplex so zu planen, dass er wie ein Ufo wirkt, das neben einem Dörfchen notlanden musste?
Geht denn keiner der verantwortlichen Politiker, Investoren, Bauträger mal schauen, wie sein Objekt von weiter weg aussieht? Oder sollte Rust einfach versteckt werden? Eindeutig liegt hier ein architektonischer Amoklauf vor, den keiner von vielen verhindert hat. Hauptsache, das Ding spült Kohle an, groß ist geil. Was für eine Skyline! Wär schön, wenn der Winzerkönig nach einem Burnout gleich zu Fuß zur Therapie gehen könnte und seine Serie als Rehabsoap ihre Fortsetzung fände.














Nicht ganz mit dem gleichen Elan und mit mäßigem Erfolg wurde wohl versucht, ein unglaublich schönes Ensemble direkt bei der Kirche der Jugend zu widmen.










Freitag, 31. Dezember 2010

Bielefeld Revisited


Wegen anhaltender Schneefälle brach der Personenverkehr völlig zusammen. Seltsamerweise ist damit der Autoverkehr gemeint. Und das war gut, denn ich konnte erstmals seit einigen Jahren die Straße ungefährdet überqueren und es roch merklich besser. Natürlich war auch erstmals die Stille Nacht eine wirklich stille Nacht. Es war immer noch schwierig, durch die Straßen zu gehen, weil die havarierten Autos kreuz und quer standen, sich zum Teil übereinander geschoben hatten und niemand in der Lage war, die Halden abzubauen.
Der Deutsche, gewohnt, fast alle Wege motorisiert zurückzulegen, blieb zuhause und tickte fast aus vor soviel Ruhe und Stillstand. Da entlud sich einiges in den Familien und den Stammkneipen. Natürlich wurde auf die Stadt geschimpft, die ja immer noch mit Steuergeldern versorgt wurde, um alles Wichtige zu gewährleisten. Der Bürgermeister und die Stadträte hatten sich schon mal in den Schiurlaub verdrückt und ein paar untergeordneten Beamten den undankbaren Job überlassen, wütende Bürger zu beruhigen und der Presse ein paar Lügenmärchen aufzutischen. Die wohlhabenden Bürger konnten sich selbst organisieren, indem sie ihre Wohnbezirke von eigenen Trupps räumen ließen oder einfach in die Luft auswichen.
Dass es böses Blut gab, wurde in Kauf genommen und mit einem verständnisheuchelnden Schulterzucken kommentiert. Sie waren ja immer irgendwo wichtig und wurden dringend gebraucht. Jetzt wurde langsam klar, wohin die Umverteilung des gemeinsamen Vermögens führen sollte. Es ging wirklich um die Vorbereitung auf das allgemeine Chaos.

Freitag, 10. Dezember 2010

Stadtrat Gerstl, Wien meint ...

man müsse das Rowdytum bei den Radfahrern bekämpfen.
Dann wären vielleicht auch die Leute von der Résistance einfach Rowdys gewesen, Robin Hood der Oberrowdy, Spartakus, Daniel Ellsberg und viele andere.
Ein simples Weltbild, das nicht hinterfragt, was diese störenden Freaks dazu gebracht hat, rowdyhaft zu werden.
In einer mobilen Stadtwelt der Neuzeit gibt es wie in der Tierwelt Räuber und gemütliche Pflanzenfresser. Wer sind denn nun die Räuber? Da sucht der Gerstl mal zuerst bei den Radfahrern mit ihren panzerbrechenden PS-starken Monstermaschinen, die leicht ein schmächtiges SÜVchen plattmachen oder gar spalten könnten. Die sind sicher bereits mit diesen mörderischen Rowdygenen geboren worden und haben die einst friedlichen Autofahrer erst so angriffslustig gemacht. Die handeln in Notwehr, wenn sie mal so einen Radrowdy auf der Kühlerhaube mitnehmen.
Was Gerstl aber noch bisher unterschätzt, ist die kommende Gefahr des Rowdytums bei Fußgängern, die an Zebrastreifen gleich Selbstmordattentätern in friedlich einbiegende Autos hineinrennen und diese häßlich verbeulen, anbluten und deren Fahrer (-innen) schrecken.
Ist es nicht an der Zeit, für Fußgänger wie für Radfahrer in Städten ein psychologisches Gutachten zu verlangen und sie monatlich zu testen auf ihre Bereitschaft zu aggressiven Akten. Auch die Polizei sollte geschult werden, diese neuen Gefahrenquellen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig aus dem öffentlichen Verkehr zu extrahieren, anstatt Autofahrer mit lästigen Tempokontrollen zu nerven.
Wie wäre es, mit Warnschildern, die an Radwegen warnen vor Radlerattacken oder an Zebrastreifen vor aggressiven Überquerulanten?
Gerstl, der Mann, der die Gefahren sieht!

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Zahnarzt Emergency im 21.Bezirk Wien

Enges Wartezimmer mit Sperrmüllfeeling. Aus dem Fenster springe ich in den Hof eines dieser grauen Gemeindebauten im Kasernenstil mit seinen noch graueren Bewohnern, tristen Einfahrten, suizidären Stiegenhäusern. Nicht mal eine Klingel für Frau Doktor. Von oben tropft ein Paar. Der Mann hält ein Taschentuch auf seinen Mund gedrückt, als hielte er einen angestauten Müllhaufen aus Eiter, Zahnfleischfetzen, Knochen- und Zahnsplittern in einem schäumenden Meer aus Blut zurück, das den 21. Bezirk wie die Mure Gottes. Das wäre die Erlösung für das lebensmüde Floridsdorf. Wir folgen der Blutspur und finden die Ordination von Frau Dr. M. Meine Frau nimmt Platz am Fenster bei dem winzigen Zeitschriftentisch mit seinem Turm aus Boulevard, etwas zerfetzt und zerfleddert. Vor uns sind etliche, uns gegenüber eine schnauzbärtige, männliche Kugel, schweigsam, den Blick des Delinquenten vor der Hinrichtung gesenkt. Wer hier sitzt, kennt seine Sünden, ahnt seine Strafe und hofft auf ein besseres Danach. Ein junger Mann rennt nervös herum, brabbelt vor sich hin. Als er drin ist, gibt es Geschrei. Dr. M. schreit ihn an, droht mit der Polizei und schmeißt ihn schließlich raus. Er faselt noch etwas von "Die kannst du vergessen" und verschwindet. Einer von beiden ist ein Psychopath, ich hoffe der Junge, fürchte aber gleichzeitig die Alternative. Schnauzbart ist dran und kommt schnell wieder raus. Sein Gesicht drückt pure Verzweiflung aus und er spricht in gebrochenem Deutsch von dem grausamen Urteil: Er wird nur noch 2 Schneidezähne behalten. "Sähe ich aus wie Osterhasse", spricht aus ihm der pure Galgenhumor. Wir sehen uns an und lachen ein verhaltenes Lachen, nicht schadenfroh, eher trotzig im Sinne von: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Ab diesem Moment ist er menschlich für mich, nicht mehr der Schnauzbart, sondern der arme Kerl mit dem Schnauzbart, zukünftig der Osterhase, bzw. Österhase, wenn er eingebürgert wird. Und jetzt bin ich dran. Die Praxis erinnert mich an die Werkstatt des Russen in Minority Report, der Tom Cruise neue Augen einsetzt, irgendwie schmuddelig, alte Geräte, wie aus dem zahnärztlichen Museum. Vielleicht liegen auch archivierte Schmerzen herum in einer kleinen Kammer in versiegelten Aluröhrchen. Keine Aufschriften, nur eine zehnteilige Schmerzskala und ein Strichcode.
2 junge hübsche Helferinnen assistieren der Zahnärztin. Männlich herb ihre Stimme, die etwas ungläubig auf meine Ansage "Ftarke Fmerpfen unterm Backenzahn" gnadenlos die Gegenthese formuliert: "Im Röntgen sieht man nichts, der Zahn sieht gut aus". Wohl aber sei die Füllung kaputt, also raus damit. "Fpritze?" versuche ich noch vorzuschlagen, als bereits der Bohrer mit der Arbeit beginnt. "Der Zahn ist eh tot". Was immer an Entzündung da drinnen war, wird gerade unter einem fetten Amalgamfladen versiegelt, um mich weiter zu quälen. Ich fühle mich wie Gorleben mit der Zeitbombe in mir und werde mit Schmerzmittel und einem Antibiotikum ins eisige Floridsdorf entlassen. Vorm Zahnarzt sind wir alle gleich: Kleine Scheisser voller Angst und Pein.

Dienstag, 17. August 2010

Dienstag, 4. Mai 2010

BP strafen

Für diese Sauerei: Sparen an der Sicherheit, Gier,
ölsaugende Draculas sollt ihr büßen.
Lieber Konsument, nutze deine gewaltige Macht und
tanke woanders, wenn es schon sein muß.

Lieber noch würde ich die Pools der Konzernfürsten mit schmierigem Golfwasser füllen und ihre Limousinen mit den Trophäen verklebter Seevögel behängen.

Sonntag, 21. Februar 2010

EinPRAGsam

2 Übernachtungen in Prag.
Der erste Tag versinkt in einer grauen, inkontinenten Nebeldecke. Da wirkt die Stadt sehr trist. Der Wenzelsplatz ist schon bei stahlendem Sonnenschein keine Schönheit. Ein Demonstrant im Streitgespräch mit einem Typen, der er wohl für einen Polizeispitzel hält.
Und ganz unauffällig trist das Grab von Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen den russischen Einmarsch verbrannte.
H&M, McDonalds und Co rücken ihm auf die Pelle. Nichts kann er mehr gegen diese Invasion
unternehmen. Auch kein anderer, denn diese Invasion ist so verlockend.
Prächtiger als der Wenzelsplatz ist allerdings der Altstädter Ring. Im Dunkel der Nacht, magisch erhellt, lässt er uns staunen und mit uns tausende Touristen.



Pragmatisch hatten wir unser Auto vor dem City Hotel unter deren Überwachungskamera geparkt.Gegen Gebühr selbstverständlich. Es scheint allerdings eine Eigenart der Stadt zu sein, von jedem Besucher etwas zurückzubehalten. Unserem bewachten Auto entnahm sie einige Kugelschreiber, Vignetten-Belege und meine über alles geliebte unendlich warme und schützende Winterjacke. Und darüber kann ich sehr wütend werden, bei aller Schönheit.
Zu schönen Orten sollte man wohl arm reisen.

Sonntag, 14. Februar 2010

Götter im Schnee

Berater-Tätigkeiten

Wenn man derzeit mit keiner Arbeit die große Kohle verdienen will, sollte man sich eine Stelle als Berater sichern. Wem dazu nichts einfällt; hier eine Liste möglicher und aktueller Beratertätigkeiten für...

allgemeine Umstände
besondere Umstände
gewichtige Umstände
Verkehr
Sparmaßnahmen
Events aller Art
Institutionen der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union
Transaktionen
undurchsichtige Aktivitäten
unnötige Aktivitäten
passive Aktivitäten
Einlagen
Auflagen
Umlagen
Unterlagen
Auslagen
Anlagen
Beilagen

Wenn nichts für sie dabei war, macht nichts. Ich berate Sie gerne, gegen eine geringfügige Gebühr.

Sonntag, 7. Februar 2010

Brno und die Liebe




Alte und neue Buntheit.
Zur Zeit unseres Aufenthaltes finden gleichzeitig ein Fed-Cup Deutschland gegen Tschechien und ein Hundecontest statt. Hinter dem Hotel steht ein Bus aus Herford, in dem so um die 10 Terrierhunde hausen. Die jaulen und kläffen sich durch die eisige Nacht. 2 mal tauchen 3 Herren auf und setzen die Viecher in Drahtkäfige um den Wagen herum, wo sie pissen, toben und kacken dürfen. Zucht hat wohl nichts mit Tierliebe zu tun.

Donnerstag, 21. Januar 2010

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Bielefeld Unplugged




Rheda Wiedenbrück


Fachwerk hat es in sich!



Wie nüchtern dagegen das zeitgenössische Handwerk.








Dr. Oetker oder: So spielt das nicht!


Wir sind für ein paar Tage in Bielefeld, und ich plane für mich ein minimales Kulturprogramm, das neben der Dr. Oetker Kunsthalle auch die Oetker Erlebniswelt beinhaltet. Es gibt übrigens einige wenige Institutionen, Gebäude und Locations, die nicht den Namen Oetker enthalten. Eigentlich schade, weil die Oetker-Linien oder Oetker Krankenanstalten oder Oetker-Arena durchaus Sinn machen würden. Ein Dr. Oetker Schlachthof, die Dr. Oetker Sondermüllverwertung, die Dr. Oetker- Welt-der-Erotik wären wohl umstritten.

Es regnet und ich sehne mich nach trockenen Bergen von Back- und Puddingpulver. Zu Fuß laufe ich von Meiners Kaffeehandlung zum riesigen Gelände der Oetker-Werke. Die eisenumgitterte rote Ziegelkathedrale vermittelt den Eindruck einer Festung. Hinter hellerleuchteten hohen Fensterflächen tummeln sich Menschen um eine meterhohe gelbe Pudding-Sturzform. Charly und die Schokoladenfabrik paart sich mit Fort Knox. Nirgends sehe ich einen Eingang. Vielleicht leben die Leute da drin so wie Familie Lutz (Möbeldiskonter in Österreich) oder sind es gar Avatare? Ich umrunde den ersten Klinkerblock und folge dem Schild: Oetker Erlebniswelt. Schließlich endet die Straße an einem Schlagbaum. Ein gläsernes Pförtnerportal scheint der Eingang zu sein. Mehrere Szenarien gehen mir durch den Kopf. Wie wäre es, nach Dr. Oetker selbst zu fragen? Hat er kurz Zeit für einen Plausch mit mir? Gibt es überhaupt reale Oetkers in der Nähe? Sie würden mich durchaus interessieren. Ich könnte mich für einen Journalisten eines Österreichischen TV-Magazins ausgeben oder für einen Blogger, der Industriellenfamilien porträtiert. Ich wähle die etwas fantasielose Option, nach einer spontanen Besichtigungsmöglichkeit zu fragen.

Hinter dem Glas betrete ich eine düster-spartanische Pförtnerwelt, in der ein Monitor läuft und hinter einem wiederum verglasten Tresen ein älterer Pförtner mit seinem Adlatus residiert. Der jüngere Mann wird wohl ein Verwandter sein, denn dieses Amt kann in diesem Imperium nur ein erbliches sein, das seit Jahrhunderten im Besitz der gleichen Familie ist, deren Kinder bereits mit Backpulver getauft werden und sobald sie sprechen können, ein Treuegelübde gegenüber ihren Dienstdamen oder -herren ablegen müssen. Was heisst müssen, handelt es sich hier doch um etwas sozusagen naturgegebenes.

Der ältere Herr bewegt sich ungläubig in meine Richtung und ich ahne in diesem Moment, dass das so sicher nicht spielt. Ich leiere meinen Spruch herunter und erwarte demütig das Urteil des mächtigen Styx, der diese Backunterwelt mitsamt ihren ehernen deutschen Regeln im Gleichgewicht hält und schützt vor einer brandgefährlichen Anarchistengruppen, namens „die Unangemeldeten“.

Eine Diskussion kommt in Fort Knox ebensowenig in Frage, wie irgendein peinliches Mitleidsszenario (Ich komme doch von so weit her). Und so schaue ich meinem Gegenüber völlig erwartungslos in die Augen, als sein knapp darunterliegender Sprechapparat die Worte formt:


So spielt das nicht


Jedes menschliche Lebewesen wäre hier verletzt und würde sich je nach Veranlagung wundenleckend entfernen oder Handgranaten und automatische Waffen auspacken und gediegen Amok laufen. Der durchschnittliche deutsche Staatsbürger kommt gar nicht erst in eine solche Situation, denn er meldet sich grundsätzlich bei allem und jedem mündlichschriftlichundelektronisch an und weiß um den Usus, hat man es mit solchen Mächten zu tun.

Ich handle mit dem guten William Gibson „lateral“ und packe ein knappes „Danke, Wiedersehen“ und eine Körperdrehung zum Ausgang zu einer gefühllosen unbeeindruckten Kunsthandlung zusammen. Und damit habe ich den Paladin überrascht. Er erwartete die Standardreaktion des zerknirschten winselnden Abgewiesenen, der die Wege nicht eingehalten hat und zeigt zum ersten Mal sein institutionalisiertes Entgegenkommen, indem er mir einen Folder anbietet. „Den kannst du Dir sonstwohin...“ sage ich nicht, sondern nehme es mit auf den Weg zurück in den Regen.

Mensch Oetker, was hätten wir vielleicht für eine nette anregende Unterhaltung gehabt, hättest du dich nicht in der Schokoladenfabrik isolieren lassen. Ist Herrschaft nur so möglich?

Ist Oetker real?

Ist die ganze Welt eine Erlebniswelt von Oetkerscher Dimension?


Darwin in NRW

Nach längerer Absenz erscheint mir die Brutalität der Autofahrer auffallend. Überhaupt scheint sich in der Zeit zwischen meinem Ortswechsel nach Österreich und 2009 das KFZ eine ganze Menge menschlichen Lebensraums erobert zu haben. Von den an sich breiten sog. Bürgersteigen haben sich erst mal die Fahräder eine üppige Hälfte herausgebissen. Dann wurde plötzlich ein gewaltiger Teil zur zusätzlichen Parkfläche, sodass zu-Fussgehen vom Idealzustand einer geraden Linie zu einem seltsamen Zickzacklauf wurde. Man muss sich ziemlich konzentrieren und immer wieder auf den Boden vor sich schauen, um keine Fehler zu machen. Selbst dann wird man von anderen Fußgängern, Radfahrern oder Rollatoren zumindest touchiert.

Es ist allerdings auch ein Irrtum, sich auf einem Gehsteig sicher zu fühlen. Als wir nach dem Frühstück zum Hotel gehen, rast plötzlich ein Mercedes von links direkt vor uns über den Gehweg, der eine Art Einfahrt bildet. Er verringert nicht im Geringsten seine Geschwindigkeit, obwohl er ja irgendwie zwischen 2 Medien wechselt, vom kraftfahrerischen Asphalt auf das eher fußgängerische Pflaster. Wir beiden Gestalten spielen da überhaupt keine hemmende Rolle und überleben knapp, um aus dem Wagen einen eleganten über-50-Jährigen aussteigen zu sehen, der da wohl irgendein schnelles Terminchen oder Geschäftchen abzuwickeln hat.

Ich bin es von Wien gewohnt, als Fußgänger im Autodschungel der Großstadt zu überleben, indem ich die uralten Instinkte des gejagten Säugers verwende, aus den Augenwinkeln ständig beobachte, mich nicht auf modernes Signalwesen verlasse, sondern auf die ureigenen Sinne: Augen und Gehör. Nie würde ich mit Kopfhörern auf den Ohren über die brausenden Verkehrsadern taumeln. Die Autofahrer in Wien erschienen mir immer aggressiv, sogar im Nationalpark des Fußgängers, dem Zebrastreifen. Nach den Erfahrungen in Bielefeld muss ich das revidieren. Da wurde es oft knapp für mich. Keine Ahnung, wo die herkamen, wenn ich flott die Straße querte, nachdem ich mich sorgfältig umgesehen habe. Sie rasen ohne jede Tötungshemmung direkt auf einen zu.

Ich liebe das Spielchen des Augenkontaktes, wenn ich die Straße überquere. Dabei fixiere ich den Heranrasenden und versuche ihm durch freundlichen Blickkontakt, die Lust auf's Töten zu versauen. Das hat hier nie funktioniert. Da schaut keiner zurück. Mit der Ausbildung des Militärpiloten krallen sie sich mit Tunnelblick an ihre Mission: Stärker sein, wenn nötig töten.

Fußgänger sind hier wirklich nicht vorgesehen und überhaupt nicht beliebt. Es ist eine Gesellschaft

hochgerüsteter Ritter in ihren Panzern, die sich ihre Schlachten liefern und einfach keine Rücksicht auf die paar Krabbeltiere nehmen können, die bis jetzt überlebt haben.

Diese Kampfmentalität findet sich auch in anderen Situationen.

So ist der öffentliche Verkehr, die Bahnhöfe, das Ein- und Aussteigen die Arena der Nachkriegsgeneration. Die haben noch die Ellbogenpower der arischen Rasse im Blut, zusätzlich gepowert von der Gier des Wirtschaftswunders. Da heisst es beim Halten des Zuges erst einmal Druck machen, Vorstoß, Position sichern, Brückenkopf bauen, shock and awe (nennen es die Amerikaner im Irakkrieg). Auf keinen Fall darf die Front einbrechen, wer aussteigen will muss sehr flott sein und wie eine Dampframme rausbrechen oder er wird plattgemacht.

Die Gesichtsausdrücke sind bei all diesen arterhaltenden, vorteilverschaffenden Maßnahmen ähnlich: Schmallippig verschlossen, ohne das geringste Anzeichen von kränklicher Empathie, begleitet von einem giergesteuerten unruhigen Herumzucken der Pupillen. Das Ziel wird fokussiert und ab dann der ganze Körper (+zusätzliche Tools wie das Auto) als Projektil eingesetzt, um dieses Ziel zu erreichen, so effektiv wie möglich.

Gehen sie mal nach Weihnachten durch die Fußgängerzone. Da weicht keiner aus.

Das alles ist nichts neues. Das Phänomen der Ellbogengesellschaft ist millionenmal beschrieben, wird in Gottesdiensten bejammert, in Kolumnen aufgewärmt. Sorgen macht mir eher mein jämmerlicher Umgang mit dem Phänomen. Wieso fällt mir das überhaupt auf? Bin ich auf dem Land so verweichlicht worden? Gibt es irgendwo psychologische Hilfe für mich, Trainingszentren für arterhaltende Härte, Hasscoaching, Desensibilisierung?

Ich melde mich sofort an