Donnerstag, 31. Dezember 2009

Rheda Wiedenbrück


Fachwerk hat es in sich!



Wie nüchtern dagegen das zeitgenössische Handwerk.








Dr. Oetker oder: So spielt das nicht!


Wir sind für ein paar Tage in Bielefeld, und ich plane für mich ein minimales Kulturprogramm, das neben der Dr. Oetker Kunsthalle auch die Oetker Erlebniswelt beinhaltet. Es gibt übrigens einige wenige Institutionen, Gebäude und Locations, die nicht den Namen Oetker enthalten. Eigentlich schade, weil die Oetker-Linien oder Oetker Krankenanstalten oder Oetker-Arena durchaus Sinn machen würden. Ein Dr. Oetker Schlachthof, die Dr. Oetker Sondermüllverwertung, die Dr. Oetker- Welt-der-Erotik wären wohl umstritten.

Es regnet und ich sehne mich nach trockenen Bergen von Back- und Puddingpulver. Zu Fuß laufe ich von Meiners Kaffeehandlung zum riesigen Gelände der Oetker-Werke. Die eisenumgitterte rote Ziegelkathedrale vermittelt den Eindruck einer Festung. Hinter hellerleuchteten hohen Fensterflächen tummeln sich Menschen um eine meterhohe gelbe Pudding-Sturzform. Charly und die Schokoladenfabrik paart sich mit Fort Knox. Nirgends sehe ich einen Eingang. Vielleicht leben die Leute da drin so wie Familie Lutz (Möbeldiskonter in Österreich) oder sind es gar Avatare? Ich umrunde den ersten Klinkerblock und folge dem Schild: Oetker Erlebniswelt. Schließlich endet die Straße an einem Schlagbaum. Ein gläsernes Pförtnerportal scheint der Eingang zu sein. Mehrere Szenarien gehen mir durch den Kopf. Wie wäre es, nach Dr. Oetker selbst zu fragen? Hat er kurz Zeit für einen Plausch mit mir? Gibt es überhaupt reale Oetkers in der Nähe? Sie würden mich durchaus interessieren. Ich könnte mich für einen Journalisten eines Österreichischen TV-Magazins ausgeben oder für einen Blogger, der Industriellenfamilien porträtiert. Ich wähle die etwas fantasielose Option, nach einer spontanen Besichtigungsmöglichkeit zu fragen.

Hinter dem Glas betrete ich eine düster-spartanische Pförtnerwelt, in der ein Monitor läuft und hinter einem wiederum verglasten Tresen ein älterer Pförtner mit seinem Adlatus residiert. Der jüngere Mann wird wohl ein Verwandter sein, denn dieses Amt kann in diesem Imperium nur ein erbliches sein, das seit Jahrhunderten im Besitz der gleichen Familie ist, deren Kinder bereits mit Backpulver getauft werden und sobald sie sprechen können, ein Treuegelübde gegenüber ihren Dienstdamen oder -herren ablegen müssen. Was heisst müssen, handelt es sich hier doch um etwas sozusagen naturgegebenes.

Der ältere Herr bewegt sich ungläubig in meine Richtung und ich ahne in diesem Moment, dass das so sicher nicht spielt. Ich leiere meinen Spruch herunter und erwarte demütig das Urteil des mächtigen Styx, der diese Backunterwelt mitsamt ihren ehernen deutschen Regeln im Gleichgewicht hält und schützt vor einer brandgefährlichen Anarchistengruppen, namens „die Unangemeldeten“.

Eine Diskussion kommt in Fort Knox ebensowenig in Frage, wie irgendein peinliches Mitleidsszenario (Ich komme doch von so weit her). Und so schaue ich meinem Gegenüber völlig erwartungslos in die Augen, als sein knapp darunterliegender Sprechapparat die Worte formt:


So spielt das nicht


Jedes menschliche Lebewesen wäre hier verletzt und würde sich je nach Veranlagung wundenleckend entfernen oder Handgranaten und automatische Waffen auspacken und gediegen Amok laufen. Der durchschnittliche deutsche Staatsbürger kommt gar nicht erst in eine solche Situation, denn er meldet sich grundsätzlich bei allem und jedem mündlichschriftlichundelektronisch an und weiß um den Usus, hat man es mit solchen Mächten zu tun.

Ich handle mit dem guten William Gibson „lateral“ und packe ein knappes „Danke, Wiedersehen“ und eine Körperdrehung zum Ausgang zu einer gefühllosen unbeeindruckten Kunsthandlung zusammen. Und damit habe ich den Paladin überrascht. Er erwartete die Standardreaktion des zerknirschten winselnden Abgewiesenen, der die Wege nicht eingehalten hat und zeigt zum ersten Mal sein institutionalisiertes Entgegenkommen, indem er mir einen Folder anbietet. „Den kannst du Dir sonstwohin...“ sage ich nicht, sondern nehme es mit auf den Weg zurück in den Regen.

Mensch Oetker, was hätten wir vielleicht für eine nette anregende Unterhaltung gehabt, hättest du dich nicht in der Schokoladenfabrik isolieren lassen. Ist Herrschaft nur so möglich?

Ist Oetker real?

Ist die ganze Welt eine Erlebniswelt von Oetkerscher Dimension?


Darwin in NRW

Nach längerer Absenz erscheint mir die Brutalität der Autofahrer auffallend. Überhaupt scheint sich in der Zeit zwischen meinem Ortswechsel nach Österreich und 2009 das KFZ eine ganze Menge menschlichen Lebensraums erobert zu haben. Von den an sich breiten sog. Bürgersteigen haben sich erst mal die Fahräder eine üppige Hälfte herausgebissen. Dann wurde plötzlich ein gewaltiger Teil zur zusätzlichen Parkfläche, sodass zu-Fussgehen vom Idealzustand einer geraden Linie zu einem seltsamen Zickzacklauf wurde. Man muss sich ziemlich konzentrieren und immer wieder auf den Boden vor sich schauen, um keine Fehler zu machen. Selbst dann wird man von anderen Fußgängern, Radfahrern oder Rollatoren zumindest touchiert.

Es ist allerdings auch ein Irrtum, sich auf einem Gehsteig sicher zu fühlen. Als wir nach dem Frühstück zum Hotel gehen, rast plötzlich ein Mercedes von links direkt vor uns über den Gehweg, der eine Art Einfahrt bildet. Er verringert nicht im Geringsten seine Geschwindigkeit, obwohl er ja irgendwie zwischen 2 Medien wechselt, vom kraftfahrerischen Asphalt auf das eher fußgängerische Pflaster. Wir beiden Gestalten spielen da überhaupt keine hemmende Rolle und überleben knapp, um aus dem Wagen einen eleganten über-50-Jährigen aussteigen zu sehen, der da wohl irgendein schnelles Terminchen oder Geschäftchen abzuwickeln hat.

Ich bin es von Wien gewohnt, als Fußgänger im Autodschungel der Großstadt zu überleben, indem ich die uralten Instinkte des gejagten Säugers verwende, aus den Augenwinkeln ständig beobachte, mich nicht auf modernes Signalwesen verlasse, sondern auf die ureigenen Sinne: Augen und Gehör. Nie würde ich mit Kopfhörern auf den Ohren über die brausenden Verkehrsadern taumeln. Die Autofahrer in Wien erschienen mir immer aggressiv, sogar im Nationalpark des Fußgängers, dem Zebrastreifen. Nach den Erfahrungen in Bielefeld muss ich das revidieren. Da wurde es oft knapp für mich. Keine Ahnung, wo die herkamen, wenn ich flott die Straße querte, nachdem ich mich sorgfältig umgesehen habe. Sie rasen ohne jede Tötungshemmung direkt auf einen zu.

Ich liebe das Spielchen des Augenkontaktes, wenn ich die Straße überquere. Dabei fixiere ich den Heranrasenden und versuche ihm durch freundlichen Blickkontakt, die Lust auf's Töten zu versauen. Das hat hier nie funktioniert. Da schaut keiner zurück. Mit der Ausbildung des Militärpiloten krallen sie sich mit Tunnelblick an ihre Mission: Stärker sein, wenn nötig töten.

Fußgänger sind hier wirklich nicht vorgesehen und überhaupt nicht beliebt. Es ist eine Gesellschaft

hochgerüsteter Ritter in ihren Panzern, die sich ihre Schlachten liefern und einfach keine Rücksicht auf die paar Krabbeltiere nehmen können, die bis jetzt überlebt haben.

Diese Kampfmentalität findet sich auch in anderen Situationen.

So ist der öffentliche Verkehr, die Bahnhöfe, das Ein- und Aussteigen die Arena der Nachkriegsgeneration. Die haben noch die Ellbogenpower der arischen Rasse im Blut, zusätzlich gepowert von der Gier des Wirtschaftswunders. Da heisst es beim Halten des Zuges erst einmal Druck machen, Vorstoß, Position sichern, Brückenkopf bauen, shock and awe (nennen es die Amerikaner im Irakkrieg). Auf keinen Fall darf die Front einbrechen, wer aussteigen will muss sehr flott sein und wie eine Dampframme rausbrechen oder er wird plattgemacht.

Die Gesichtsausdrücke sind bei all diesen arterhaltenden, vorteilverschaffenden Maßnahmen ähnlich: Schmallippig verschlossen, ohne das geringste Anzeichen von kränklicher Empathie, begleitet von einem giergesteuerten unruhigen Herumzucken der Pupillen. Das Ziel wird fokussiert und ab dann der ganze Körper (+zusätzliche Tools wie das Auto) als Projektil eingesetzt, um dieses Ziel zu erreichen, so effektiv wie möglich.

Gehen sie mal nach Weihnachten durch die Fußgängerzone. Da weicht keiner aus.

Das alles ist nichts neues. Das Phänomen der Ellbogengesellschaft ist millionenmal beschrieben, wird in Gottesdiensten bejammert, in Kolumnen aufgewärmt. Sorgen macht mir eher mein jämmerlicher Umgang mit dem Phänomen. Wieso fällt mir das überhaupt auf? Bin ich auf dem Land so verweichlicht worden? Gibt es irgendwo psychologische Hilfe für mich, Trainingszentren für arterhaltende Härte, Hasscoaching, Desensibilisierung?

Ich melde mich sofort an

Sonntag, 11. Januar 2009

Deutsch oder Englisch



Das sind 2 gegensätzliche Prinzipien:


Deutsch bedeutet Primat der Gemeinschaft, des Stammes, der Bewegung in guten wie in schlechten Zeiten. Das beinhaltet auch die Anerkennung von Strukturen und auch Unterordnung der eigenen Interessen, wenn nötig. Und diesen Zeitpunkt bestimmt der Stammesälteste oder Führer oder Boss oder Chef.


Englisch bedeutet Primat des Einzelnen. Gemeinschaft nur da, wo man es braucht und wo es Spass macht. Und auf keinen Fall Bevormundung. Jeder will höflich mit Respekt und Achtung behandelt werden und sei es der Penner aus dem U-Bahnschacht. Kritik und Auflehnung gehören zur Volkskultur in der Heimat von Robin Hood. Suchen wir einen ähnlichen Helden in Deutschland. Vergeblich. Unerwartet präsentiert die Schweiz einen Wilhelm Tell und Österreich einen Andreas Hofer. Der Deutsche muss mit seinem humorlosen Drachentöter Siegfried leben und wenn Martin Luther ein Freiheitsheld sein soll, dann schauen wir uns die heutigen Protestanten an.


Die staatliche Utopie, die sich hauptsächlich aus englischer Tradition entwickelt hat, sind die USA. Wie würden die Vereinigten Staaten aussehen, hätten sie sich mehrheitlich aus deutschem Kolonialismus entwickelt? Die Skyscraper hätten sich dank strenger Bauvorschriften nie so aufgetürmt. Die Verbreitung von Waffen hätte sich auf Exekutivorgane und die Jäger und Sportschützen beschränkt. Und die Freiheitsstatue wäre ein Riesen Gartenzwerg.




Nicht sehr cool.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Wahre Meister





Sie sind ein unglaubliches Team und promoten, was kommt. Ivan Proprov textet, wo es keine Strassen mehr gibt und den andern die Worte ausgehen. Sergej Marmorstein schneidet härter als alle und blendet kaum.

Gemeinsam sind sie eine ganze Anstalt.

Sonntag, 31. August 2008

Deutschlandreise-Der Südwesten

"Sie sind angekommen" meint Frau Navi verschmitzt.
Was nun zu tun ist: Zuhören und staunen, den Ort, die Menschen, wo ich geboren und aufgewachsen bin, in mich aufnehmen.

In Saarburg: Mühlen, Mauern, Mittelalter, Schiefer, Weinberge und Kartoffelklösse. Wolken weiss vor der Sonne auf blauem Himmel belichten das Kopfsteinpflaster und die Schieferdächer mit laaangsamen Blitzen, denen kein Donner folgt. Müde im Kopf vom Riesling vom Hang gegenüber, der Viezschorle (0,4 %) und ohne die Wirkung des guten Espresso zu spüren. Wenn der Schatten der Häuser die Fahrräder erreicht, sollten wir hier weg sein, sind doch die Saarburger seit Urzeiten blutsaugende Vampire, die, Sonnenlicht meidend, zurückgebliebene Touristen abpassen, in steinerne Nischen zerren und aussaugen.


Wann werden die Fördertürme wieder wach, um die allerletzten Rohstoffe aus der Erde zu kratzen? Und wer wird darum kämpfen? Die Region Saar-Mosel, landschaftlich reizvoll, doch von Tristesse durchwoben. Als hätten die vielen Kriege und die Schwerindustrie alles Lebendige ein wenig erschöpft. Die Orte im Herzen ausgestorben, geschlossene Läden und Cafés, müde Menschen aus Fenstern schauend auf die wenigen Menschen und Autos auf den blumengeschmückten Strassen. Der Regen streut noch etwas Trübseligkeit darüber.

Petite Rozelle und Gross-Rosseln waren einst eins.
Jutta meint "Geschenkeladen"
Werner schüttelt "Gelenkeschaden"
Ernsthafte Einträge sind privater Natur und finden sich in meinem Offline Tagebuch.

Sonntag, 27. Juli 2008

Selma


Ein Tag wie Ölkreide, geformt vom Sommer und seinen feucht-instabilen Auswüchsen. Selma paddelt ufernah in der Kleinen Donau bei Halaszi. Der Fluss ist fast einen halben Meter über seinem Normalstand und strömt träge dahin. Da liegt was Matschiges, und Selma packt es mit dem Schnabel, um es hineinzumümmeln. Das war mal Brot. Sie ist heute morgen unsanft von einem Motorboot geweckt worden aus dem dünnhäutigen Entenschlaf, der einem Dösen gleicht. Selma ist depressiv, für eine Ente weitaus weniger dramatisch als für einen Menschen. Der Gesichtsausdruck der Ente ist zudem nicht differenziert genug, Gefühle auszudrücken, sodass letzten Endes nur ihr Verhalten signifikante Auffälligkeiten aufwies. So mied sie generell Artgenossen, ging auch jeder Rauferei um eine bescheuerte Brotkruste aus dem Weg, was sie bisweilen an den Rand des Hungertodes brachte. Fortpflanzung, für ihre Artgenossen ein erfüllendes Hobby, kein Thema für Selma, die auch nichts für diese kleinen Scheisser übrig hatten, die oft tollpatschig um sie herum taumelten. Wozu ihr Elend genetisch überliefern? So zog sie ihre einsamen Kreise am Ufersaum und in der Aulandschaft von Halaszi. Ihre Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber liess sie auffällig oft die Fahrrinne queren, ein frequentierter Highway für die frischgebackenen Geniesser ungarischen Wohlstandes. Oft unter Alkoholeinfluss, liessen die Freizeitkapitäne keine Gelegenheit aus, ihrem Lebensstandard durch Gas geben Nachdruck zu verleihen. Selma wurde nassgespritzt, geschleudert, unter Wasser gedrückt, aber nie kam sie in den Genuss von Lebensgefahr, den sie sehnsüchtig suchte. Oft liess sie sich apathisch mit der Strömung treiben bis in den späten Abend, um dann missmutig zurückzufliegen. Nach jedem Flug empfand sie ihr Dasein als noch bedrückender. Doch permanent Fliegen hätte sie auch nicht fröhlicher gestimmt, denn so sah sie diese elende Welt in ihrer ganzen Ausdehnung. Einzig, zu beobachten, wie andere zu Schaden kamen, liess in ihr eine kleine, ärmliche Sonne der Zufriedenheit ihre spröde, öde Entenseele wärmen. Neulich war Franz im Landeanflug gegen eine Wasserrutsche geknallt. So wohl hatte sie sich lange nicht gefühlt. Heute gab es das übliche Strandleben eines Sonntags. Weniger Leute als sonst, weil das Wasser beträchtlich abgekühlt hatte und die Hitze handzahm war. Zwei Neue hatten ihre Liegen am Ufer aufgestellt, auffallend stille Menschen. Sie las, er schien sich Notizen zu machen in eine Art Tagebuch. Mässig interessiert äugte Selma mit schiefgelegtem Kopf zu den beiden hinüber. "Ob Menschen depressiv sein können?", fragte sie sich plötzlich.


Mittwoch, 23. Juli 2008

Appell an die Großen



Bitte reißt euch endlich zusammen. Es wird allerhöchste Zeit, die Yachten und SUVs stillzulegen und den Energieverbrauch einzuschränken. Der Zeitpunkt ist gekommen, einzusehen, daß Globalisierung bedeutet: Du kannst noch so viel Kohle haben und dich mit dem Erlesenen umgeben, das Elend schwappt auch in deinen Palast, wenn es denn soweit ist.
Reichtümer anhäufen, wozu?
Früher hatte das einen Sinn, als das eine Dynastie begründen konnte. Heute gibt es nur eine Zukunft, wenn sie für den ganzen Planeten gilt.
Also schön teilen und Schluß mit den fossilen Träumen von individueller Macht und persönlichem Reichtum. Die Besiedlung eines neuen Planeten irgendwo da draußen läßt sich nicht mal von der Gemeinschaft der Milliardäre leisten.




Ja, sowas denkt man an einem eisigen Julitag!

Sonntag, 25. Mai 2008

Auf Kellertour



Frage:
Warum sind derzeit so viele Belgier in Niederösterreich unterwegs?

Antwort:
Es ist Tag der offenen Kellertür!


Solch finstere Witze fallen einem ein, wenn man in einem Caféhaus in Bad Deutsch-Altenburg sitzt und auf die Speisen wartet, während man die Leute beobachtet und der Regen draußen die Fahrräder wäscht. Eine unglaubliche Rübe von Nase mit einem hustenden Rest Mann dran (ein Kurgast?) saugt sich gegenüber in seine Zigarette. Der launige Kellner spricht Jutta mit "die Chefin" an und nennt mein Achtel Rotwein "Medizin". Das ist Keller.

Donnerstag, 22. Mai 2008

donnerskirschen






im mai, pünktlich, reifen die maikirschen. sie sind winzig, viel kern, wenig fleisch. die obstfrau, die an der strasse erdbeeren verkauft, meint, sie hat nächste woche kirschen, aber nicht die maikirschen, da spuckt man nur kerne, die lassen wir den vogerln.wir, die wir vogerl sind, eine art komische vogerln bremsen uns beim radeln ein, um die ersten kirschen des jahres vom baum zu essen. da eine von vielen fetten wolken die maisonne gerade verdeckt, leuchten die roten kirschen nicht gerade heftig um uns anzulocken. es ist eher eine pflicht, der wir vogerl gerne nachkommen. jutta beweidet den rand des baumes, ich besteige die krone, dahin wo wir einst herkamen. und dann nur noch ahhs und ohhs und spuckgeräusche im schatten der wolke. das gedämpfte licht läßt den geschmack der kleinen frucht noch mehr schillern.während wir im kirschbaum bei donnerskirschen wie die vogerl in raum und zeit schweben und die kerne in wurmlöcher spucken, treiben unter uns rudel von radlern, deren insektenäugige sonnenbrillen, das rot der winzigen maikirsche ausblenden.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Einmal gegen die Hohe Wand

Immer wieder wollte ich zur Hohen Wand, so eine Felswand, die man sieht, wenn man von Eisenstadt Richtung Westen fährt. Imposant, obwohl gar nicht so hoch, leuchtet sie wunderschön im Licht der frühen Sonne oder steht düster im Gegenlicht der untergehenden Sonne.
Seit ich die Wand zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich ihren Fuß besuchen und dagegenrennen. Einmal gegen die Hohe Wand. Einmal die Hohe Wand gegen mich. Und sehen, wer stärker ist.
Sie ist nicht leicht zu finden, denn sie versteckt sich hinter einer Reihe von Hügeln, die weder hoch noch Wand sind. Um zu ihrem Fuß zu gelangen, fahren wir in ein benachbartes Tal hinein und nähern uns seitlich von hinten, bis zum Beginn der Mautstraße. Für 4 Euronoachwas dürfen wir die letzten paar hundert Meter auf die Wand zufahren und dann in Serpentinen zum Hochplateau, denn !Überraschung! die Hohe Wand ist nur der Rand einer rechteckigen Torte, auf die man bei Bedarf Geburtstagskerzen stecken kann. Aber vorher halten wir unterhalb der Wand und ich renne einzweidreimal dagegen. Jutta meint, ich hätte gewonnen, weil die Wand leicht brüchig und angeknackst wirkt. Ich selber bin mir nicht so sicher, weil mein Kopf doch etwas schmerzt. Wir beschließen, die Spätfolgen entscheiden zu lassen. Einstweilen genießt die Hohe Wand meine höchste Achtung.
Noch etwas benommen lenke ich unser Auto die Serpentinen hinauf zu einem Parkplatz am Wald, von dem aus wir das Plateau seitlich angreifen wollen. Doch alles kommt anders. Ein geistig verwirrter Wegweiser schickt uns zur Abschußrampe für das geplante europäische Spaceshuttle "Goethe", einer Eisenkonstruktion, die sich in schwindelerregender Höhe über den Abgrund schiebt. Derzeit dürfen mutige Touristen die Plattform betreten und einen Blick in die Tiefe wagen.
Ein Waldarbeiter warnte uns vor magnetischen Feldern, deren Wechselwirkungen bereits Tiere und Menschen verwirrt hatten. Und schon bald erwischte es auch uns. Mit ernsthaften Symptomen cerebraler Ungereimtheiten schleppen wir uns zu einem nahe gelegenen Wirt, der selbst verwirrt wirkt. Die Stube ist dürftig befüllt mit ausschließlich alten Menschen, die mit zitternden Händen und stieren Augen die Knödel und Fleischteile in ihren Tellern attackieren. Ihre Gespräche zwischen den Schluck- und Würgevorgängen drehen sich vage um Wanderausrüstung und die gestiegene Kriminalität dank der Zugewanderten. Wir wählen aus dem reichen Angebot Bauernschmaus und KnödelmitEiundSalat. Schon bald ragt die gewaltige Portion wie eine Hohe Wand vor mir auf.

Montag, 21. April 2008

Der Boden des Terrorismus

Bevor wir uns fragen, welche sozialen Ursachen islamistischer Terror hat, sollten wir erst einmal verstehen, wie es zu einer Kultur kommen konnte, in der Frauen derart unterdrückt, eingekerkert, zwangsverheiratet, verhüllt und verstümmelt werden, reduziert auf das Gebären und beraubt ihres großartigsten Rechts, schön zu sein.
Das ist, als würde man zur Blütezeit die Blumen mit schwarzer Folie bedecken.
Wie konnte es dazu kommen?
Antworten bitte an die offenen Ohren dieser Welt.

Wochenende

Ein Wurmloch direkt hinter unserem Haus knabbert an Mauerresten der alten Kompostbeggrenzung und droht mit harter Gammastrahlung. Bleiplatten schützen uns vorerst, haben aber die Baumblüte beschädigt. Meinen Teilchencrasher habe ich wieder am Dachboden verstaut, ein schwarzes Loch genügt. Die Verfallszeit beträgt etwa 2 Tage. Damit kann man leben.
Samstag brach Jutta's Theorie, durch Fleischverzicht Kopfweh zu vermeiden, für's erste ein. Dabei half ein kräftiger Südföhn, der meine Haare in Sekundenschnelle trocknete, meinen Frühlauf allerdings gewaltig behinderte. Eine Bö trieb mich weit in die Felder ab, bis zu einer meterhoch aufgeworfenen Pflugscholle, an deren Unterseite ein gewaltiger Riss in's Erdinnere führte. Nachdem ich keine Handlampe mitführte, stieg ich nur soweit hinab, bis wohin das Tageslicht reichte. Kristalle funkelten an den Wänden und in der finsteren Tiefe gurgelte Wasser. Ein Bettler lehnte an einem Stein und murmelte Unverständliches vor sich hin. Als ich vor ihm stehenblieb, verstummte er kurz und sah zu mir auf. Unter seinem linken Auge verlief eine Narbe. Er lächelte und riet mir, mich niemals auf den Aktienhandel einzulassen, sondern lieber nur soviel Geld zu erwirtschaften, wie man es braucht. Er selbst habe durch den Verlust seines Vermögens bei riskanten Geschäften seine Liebe, sein Glück und seine Familie verloren. Das Tageslicht schmerze ihn seitdem so, dass er die oberen Erdschichten zu seiner neuen Heimat gemacht habe. Ich lud den Mann zu einem Spargelessen ein, denn mich interessiert, was er zu sagen hat und möchte mehr über sein Leben erfahren. Sein Name ist Fritz, nichts weiter. Den Nachnamen hat er verpfändet. Als ich wieder auftauche, hat der Wind zwar nachgelassen, aber gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit derart gestiegen, dass mir die leichte Sportkleidung am Körper klebt wie eine Tapete .
Ich bin froh. als mich die Raumkrümmung wieder nach Hause bringt, wo ein ruhiger Termin mit der Morgenzeitung auf mich wartet. Jedoch, da ich morgens noch einiges einzukaufen hatte, allein, weil ja Jutta sich hingelegt hatte, bin ich wohl eher am Abend gelaufen.
Bei Merkur hatte es mehrere Tote gegeben im Verlauf eines Streits um Parkplätze. Auch im Markt selbst hatten sich in der Reihe der Tiefkühlkost Terroristen und Kleinkriminelle verschanzt, die mit Messern und Kurzschwertern bewaffnet waren. Polizei war unterwegs, dennoch herrschten Nervosität und Anspannung. Glücklicherweise kam ich ohne Tiefkühlkost aus, musste aber lange Wege für meine exotischen Zutaten zurücklegen, aus denen ich Sonntag ein passables Menü für meine Gäste aus Wien kochen wollte. An der Kasse mischte sich das Bipp der Barcodelesung mit dem Ploppen der polizeilichen Betäubungswaffen.
Auch Klimaterroristen waren unter den Festgenommenen, unter ihnen ein KoKi (Konzernkiller), eine Eliteeinheit der Aktivisten. Die besten Anwälte würden ihn bald wieder da rausholen.
Ich war müde nach alldem und fuhr erleichtert nach Hause vom Südföhn getrieben..

Samstag, 5. April 2008

Eisiger Geburtstag

Meine Geburt wurde an einem 5.April veranstaltet. Ich soll dabei durch meine unglaubliche Länge von 63 cm unangenehm aufgefallen sein und dies nicht nur meiner Mutter. Mein Vater war weder von meiner Größe noch von meinen Folgen für die Famile begeistert. Ich selbst war auch nicht begeistert von den ersten Körperkontakten mit den robusten Krankenschwestern des evangelischen Krankenhauses. Erleichterung empfand ich allerdings angesichts des Kriegsendes und des beginnenden Wirtschaftswunders.
Heute, nachdem ich großen Abstand sowohl zeitlich als auch räumlich zu meiner Geburt erwirtschaftet habe, kann ich dem Leben an sich einiges abgewinnen umgeben von meiner frohen Frau und meiner tollen Tochter.
Um nicht nur zuzunehmen, unternahmen wir eine Querung der Stadt Wien längs der Schnittebene Handelskai. Das sind so an die 12 km an der Waterfront gegen den Wind. Der Kahlenberg kommt einem so langsam entgegen, ebenso die Donau und zahlreiche funktionsgekleidete Freizeitsportler. Eine Gruppe von Nordic-Walking-Neulingen sticht mit den Stockspitzen nach uns, 2 Kampfradler mit Böser-Blick-Sonnenbrillen wollen uns rammen, aufgeschreckte Schwäne uns zu Tode schrecken. Wir wollen nur überleben und tun dies mit Erfolg.
Um wieder zuzunehmen, füllen wir uns mit Zwiebelrostbraten, italienischem Eis und Panna Cotta.