Freitag, 10. Juni 2011

Diner und Co

Heute werden wir die Eltern von Matt kennenlernen, die 3 Jungs haben. Da wird ein Mädchen gerne gesehen. Wir werden uns in einem Restaurant in Woodstock treffen und gemeinsam essen. Ich bin schon gespannt.
Franzi und Matt haben für uns eine kulinarische Tour zusammengestellt, die wir gestern abend mit dem nicht zu vermeidenden Lobsteressen im Weathervane Seafoods beendeten. Lobster- oder Hummeressen ist eine einzige große Sauerei. Man isst von den Viechern nur die Scheren, Beine und das Prachtstück von Schwanz. Den alleine herauszupulen ist die Hölle. Freundlicherweise übernimmt dieses Gereiße, Geknacke, Drehen und Zerfetzen Matt. Dabei muss man aufpassen, dass man den grünen Magen rechtzeitig entnimmt, der einem den Spaß ordentlich verderben kann.
Aber erst einmal heisst es warten, denn der Andrang ist groß. Heute kostet der Twin Lobster nur 19,90 $ und das ist ein cooler Preis, den man sonst locker für einen zahlt.  Die Leute sitzen wie in einem Wartezimmer im Eingangsbereich und werden aufgerufen, wenn etwas frei wird.
Vom Dach rinnen mittlerweile Sturzbäche eines Unwetters, das auf Lebanon niedergeht.
Als Werkzeug mitgeliefert werden Plastikschürzen, Panzerknacker (ähnlich einem Nussknacker) und eine kleine Plastikgabel, um das köstliche Fleisch aus dem geknackten Panzer zu ziehen.


Die Scheren schaffe ich ganz gut und finde sie besser als den Schwanz, der ein wenig durchwachsen ist.

Mittags waren wir in einem schrulligen Diner mit Wachstuchdecken und einer hochschwangeren Kellnerin mit hochrotem Gesicht. Mit ihrem gewaltigen Bauch trifft sie einmal Matt, der leicht angeschlagen wirkt. Die Speisen sind weniger gut als im ersten Diner aber das Ambiente ist einmalig. Eine Fotowand zeigt die verhärmten Gesichter der Geschäftsgründer, die Klimaanlage rasselt vor sich hin, von Klebeband in der Mauer gehalten. Die Kids frühstücken, während wir die Hamburger Steaks verkosten in den Varianten mit oder ohne Paprika.
Das ist Shyrl's Diner
Hamburger Steak gut, Kartoffelpüree naja, Soße aus einer furchtbaren Galaxie
Das ist 4 Aces


Liver and Onion, großartig!

Farmhouse Inn, Woodstock, Vermont

Wir haben hier vor einem halben Jahr für 4 Tage gebucht. Das Farmhouse Inn liegt hinter Woodstock
lockere 20 Meilen von Hanover Richtung Westen. Bundesstraße 4 von New Hampshire nach Vermont.
Einsam steht das schöne weiße Farmhaus an der Straße und ich entwickle Gruselszenarien. Alte Frau mit hinterhältigem Blick öffnet knarrende Tür. Überall Spinnweben, ein verrückter Alter bastelt an einem Pick Up herum und schaut feindselig. Tür des Zimmers lässt sich nicht verriegeln. Nachts geht die Tür auf. Die 2 Irren schlappen uns in die Scheune und foltern uns.



Alles kommt anders. Die freundliche Tory öffnet uns die Tür des wunderschön restaurierten Hauses. Ihr Mann Barry stellt sich vor und Logan, den riesigen alten Haushund, der ziemlich stinkt, mir aber freundlich die Hose vollsabbert. Wir ziehen die Schuhe aus und leben hinfort im Barfußland.
Das Zimmerchen heißt Maple und seine Klimaanlage ackert tapfer die schwüle Hitze hinaus.
Ich falle in einen tiefen Schlaf, während draußen ein heftiges Gewitter tobt.
Erholt aber mit schwerem Kopf wache ich auf, um ein bisschen mit den Gastgebern zu plaudern.
Tory ist Kalifornierin und sie betreiben die Farm seit 4 Jahren.
Manchmal hat sie Heimweh nach dem Ozean und vermisst das Reisen. Barry arbeitet als Geo-Ingenieur und pendelt alle 6 Wochen nach Kalifornien und wieder zurück.
Über Woodstock erfahre ich, dass dessen Einwohner eine bunte Mischung von Einheimischen und Zugezogenen sind, während Bridgewater das genaue Gegenteil ist. Jeder Fremde wird mißtrauisch beäugt und im Regen stehen gelassen. Besonders fies soll der Sheriff sein, wenn man mit fremdem Autokennzeichen nur ein paar Meilen zu schnell unterwegs ist.
Also Finger weg von Bridgewater und danke für die Warnung.
Einen Strafzettel habe ich bereits in Hanover ausgefasst. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir herausfanden, warum ich 30,- $ zahlen soll: Ich parkte gegen die Fahrtrichtung am Straßenrand. Das ist hier verboten.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Commencement naht


Am Abend, immer noch hitzig schwül sitzen wir noch am Green. Hier wird das Commencement am Sonntag stattfinden. Die Bühne wird errichtet. Falls es regnet, werde ich den Poncho von Wal Mart um ca. 80 Cent überziehen. Die Prognose meldet Gewitter bei Temperaturen um die 20 Grad Celsius. Angeblich regnet es meistens.

Lust der Verschwendung

Wir sind so weit gereist, um nun bereits den zweiten Vormittag am Eastman Lake herumzuhängen, der ja buchstäblich vor unserer Tür liegt. Und da sieht es eher wie an einem See im Voralpenland aus.
Dabei könnten wir nach Kanada reisen, Maine befahren, den Atlantik besuchen oder auf den Mt. Washington wandern. Nein: Handtuch, Bücher, Badehose, auf zum kleinen Sandstrand.
Eine Tafel mahnt, dass der Sand in den nächsten Jahren nicht erneuert wird.
Glauben die, dass wir hier Sand klauen und als Souvenir an Freunde verteilen?
Tochter rät uns dringend, adrett gekleidet (Badezeug drunter) zum Strand zu gehen. Keinesfalls die Umkleidekabine Badetuch benutzen.
Wer soll uns hier eigentlich beobachten? An den beiden Tagen sehen wir fast niemanden am See und wenn, dann nur für kurze Zeit. Da liegt dieser gepflegte See mit seinen sorgsam gerechten Sandstränden und kaum jemand nutzt ihn. Seit Tagen habe ich niemanden auf dem Trail um den See laufen oder wandern sehen außer mir selbst und mich sehe ich ja nur bruchstückhaft.

Nach welchem Eastman der See benannt ist, weiss ich nicht. Ein Kandidat wäre jedenfalls Charles Eastman, ein  Sioux, der Dartmouth Collage besuchte. Er hat das Massaker am Wounded Knee miterlebt und war beteiligt am Aufbau der amerikanischen Boy Scouts.

Der See wird von einer Community organisiert und bewirtschaftet, die sich um Pflege, Sicherheit und Erhaltung kümmert.
http://www.eastman-lake.com/
Um den See sind alle paar Meter üppige Holzvillen im dichten Wald so gut versteckt, dass man sie vom See aus überhaupt nicht sehen kann. Es gibt sowohl fest dort Wohnende wie auch temporäre Nutzer.
Das Wasser des Sees hat eine bräunliche Färbung, die vom Untergrund kommt und hat mittlerweile eine angenehme Temperatur. Der Schwimmbereich ist knapp bemessen, um irgendwelche Wasservögel nicht zu stören.
Als wir eintreffen erwartet uns Kindergeschrei, eine Seltenheit. Eine Mutter mit 3 kleinen Kindern und einem Leiterwagen voll mit Spielsachen. Nach einer halben Stunde geht sie. Ich habe die Kinder gar nicht spielen sehen. Wieder mal ein Herr mit Hund, kurzer Wortwechsel und weg. 3 ältere Herrschaften, z.T. körperlich beeinträchtigt, gehbehindert sind etwas kommunikativer und fragen, ob man schwimmen kann. Ich werbe für das Wasser mit "I survived" und tatsächlich wird gebadet.
Währenddessen lese ich Jutta ein Kapitel aus "Der dritte Schimpanse" von Jared Diamond vor, in dem beschrieben wird, nach welchen Kriterien sich Menschen Lebens- oder Sexualpartner aussuchen. Wir haben viel Spaß bei der  Selbstprüfung, als wir Ohrläppchenlänge, Haar-, und Augenfarbe vergleichen.
Die 3 Alten ziehen gerade ab. "I survived too" , meint Oma stolz und wir lachen.
Ich habe den Eindruck, dass jeder von obskuren Terminen und Zwängen daran gehindert wird, hier einfach mal ein paar Stunden abzuhängen und nur blöd auf's Wasser zu schauen.
Das wäre ja Verschwendung!
Aus rein therapeutischen Gründen bleiben wir so lange bis sich dieses Gefühl der Verschwendung einstellt. Da beginnt für mich Auszeit: Hirn im Leerlauf, weder Buch noch Musik im Ohr.
Dann brechen wir auf, weil wir zu einem Termin müssen: Klamotten für Franzi kaufen.

Wir holen sie in Dartmouth College ab und fahren nach West Lebanon, einem ziemlich erbärmlichen Kaff mit einer gewaltigen Shoppingmall.
Auf dem Parkplatz brütet einen fürchterliche Hitze. Es ist als würde man aus dem gekühlten Auto direkt auf einen Grill hopsen und vom Grill in die Gefriertruhe der klimatisierten Geschäfte.

Und dann tue ich es. Vor CVS (so eine Art Drogerie) warte ich im Auto auf Jutta und Franzi.
Mit leichtem Kribbeln in den Fingern lasse ich den Motor laufen und mit ihm die Klimaanlage.
Amerikaner sein. Die Skrupel brechen weg wie das polare Eis in Zeiten der globalen Erwärmung.
Ein wenig das Fenster auf, Radio an und Klimaanlage, Gebläse auf Stufe 2, Körper dankt.
Gewissen schreit gefoltert auf irgendwo in einem schalldichten Verlies.
Franzi fragt, ob ich angesichts dieser tropischen Hitze die Einheit Amerikaner und Aircondition verstehe.
Sie sind stolz darauf, sich diese Verschwendung leisten zu können.
Die armen Europäer, die verskrupelt leiden und sich die Energie nicht leisten können.

Heute müssen wir erstmal raus aus dem Haus und damit auch weg vom See.

Skrupellos wirft Jutta noch eine Ladung Wäsche in den Trockner.
Und da schließt sich der Kreis. Zuhause schleppt sie die Wäsche raus zum Trocknen und wir klimatisieren nur durch Verdunkeln und gezieltes Lüften. Dafür müssen wir auch nicht so schuften, dass wir keine paar Stunden übrig haben, um blöd auf's Wasser zu schauen. Guter Deal?
Unser Deal!

Mittwoch, 8. Juni 2011

Chicken Fried

Gestern hat sich die neue Bestellformel für den Espresso bei Dunkin' Donut bewährt, obwohl mich der Typ etwas mitleidig angeschaut hat (siehe 5. Juni). Ich bekam Espresso ohne Milch und ohne Zucker. WOW!

2 Artikel aus der deutschen Presse lassen uns nachdenken über die Sichtweise der
Deutschen auf die Neue Welt.
Die Zeit schrieb über die desaströse Haushaltslage der USA, der Spiegel über die NBA Finals.
In beiden Artikeln wird furchtbar geunkt. Einmal ist es die wahnwitzige Umverteilung des Vermögens zu den Reichen, hohe Arbeitslosigkeit der Unterschicht, Verschwinden der Mittelschicht und überhaupt das Armageddon, wenn nicht sofort umgedacht wird.
Zum andern ist es der verletzte Finger von Nowitzki, die Überalterung der Dallas Mavericks, die bereits jetzt deren Absturz in den Best of 7 garantieren.
Die Opas mit dem kaputten Dirk haben zwar vor 3 Tagen wirklich ein Spiel verloren, gestern aber gewonnen. Wieder wird deutsch geunkt, dass Miami das so wollte, um ein Heimspiel zu kriegen.
Übrigens hatte Dirk gestern 39 Fieber, wo doch Miami Heat sein sollte.
Wir erwarten einen Spiegel über Dirk's Fieber und die zu erwartenden katastrophalen Folgen.
Doch die Headline feiert: Triumph mit 39 Grad Fieber!
Das lässt doch hoffen.
Ja, sie leben in gegenseitiger Konkurrenz, die Alte und die Neue Welt und beobachten sich mit Adleraugen. Wobei Amerika eigentlich mehr auf sich selber schaut.
Ich habe das gestrige Spiel jedenfalls nur teilweise mitverfolgt, weil ich dieses Hin und Her der 2 Teams eigentlich erst am Ende spannend finde und weil die Werbeschaltungen mich, nachdem ich sie alle kenne, nur noch nerven. Ausserdem bin ich eine deutsche Unke, die hinter jedem Spitzensport, sobald er mit der großen Finanz verbandelt ist, nur Betrug und Schiebung vermute.
Jedes Fußballspiel eines mickrigen Dorfvereins ist spannender, weil die sich einfach nur auf einer animalischen Ebene vergleichen und man das sehr schön beobachten kann. Das ist pure Verzweiflung und Kampf bis auf's Blut. Vielleicht gibt es mal ein Match Hanover gegen Lebanon. Da möchte ich zusehen mit einem Pappbecher Sam Adams Summer.


Ich gebe mein erstes Open Air in New Hampshire.
Wegen schlechten Managements performe ich fast ohne Zuschauer:

http://www.youtube.com/watch?v=iaT2C5WCgvk

Das Video ist Teil meines Projekts: 3 Wochen lang Amerikaner sein!
Empathie funktioniert besonders gut über Songtexte. Dieser ist ein Beispiel aus der aktuellen Countrymusic.
Und hier das Original:
http://www.youtube.com/watch?v=p9hOMetw7qI&feature=related

Die Deutung: All die Schlachten, die die Amerikaner rund um die Welt schlagen, all die Opfer
für Grillhuhn, passende Jeans, ein kaltes Bier und ein aufgedrehtes Radio?
Das kann doch nicht so gemeint sein!

Dienstag, 7. Juni 2011

Appalachian Trail

Die Appalachen verdanken ihre Entstehung dem spektakulären Zusammenstoß aller Kontinente vor 290 Millionen Jahren, woraus der Urkontinent Pangäa entstand. Vergleichbar mit den Alpen, die durch den Zusammenstoß von afrikanischer und eurasischer Platte aufgefaltet wurden, türmten sich die Appalachen noch höher auf und erreichten die Dimension des Himalayagebirges. Nach etwa 40 Millionen Jahren trieben die Kontinente wieder auseinander, der Druck ließ nach und machte der Erosion den Weg frei, die seither die uralten Falten glättet und tieferliegenden ungeheuer gepressten Granit freilegt, der New Hampshire den Namen gab: Granite State.

Vom Erstkontakt ermutigt, wollen wir noch mal auf den Trail und zwar beim Mt. Moosilauke, der von jedem Dartmouth Absolventen mindestens einmal bestiegen werden sollte.
Den erreicht man, indem man auf der Interstate 89 etwa eine Dreiviertelstunde nach Norden fährt, und dann auf einer Nr. 25 Richtung Osten.
Unterwegs türmen sich die Berge immer höher, bleiben aber sanft und bewaldet.
An einer Tankstelle machen wir Rast und kaufen in einem angeschlossenen Market ein:
Meat Balls Sub und irgendwas mit Turkey, das wie eine Wurstsemmel mit Senf aussieht, prächtige Erdbeeren, Limo und eine amerikanische Flagge. Brav bezahle ich das bisschen an der Kasse bei der bissig wirkenden Kassiererin mit Kreditkarte. Als ich versuche, auf dem Display des Kartenautomaten meine Unterschrift hinzukritzeln, meckert sie verächtlich: On the bill, please.
Die Tankstellenkette heisst Irving und gehört dem Gleichnamigen, der Dartmouth College eine Menge Geld spendet und seine Tochter da untergebracht hat.
Auf der 25 C fahren wir Richtung Osten und kreuzen bald den Trail, der mit einer Tafel gekennzeichnet ist. Bereits der Einstieg hätte uns warnen sollen. Ein System aus wackelig zusammengesetzten Holzbrettern führt über die erste Sumpfstrecke, die nicht die letzte bleiben wird. Der Weg verläuft oft in einem Wasserlauf, der bei Regen oder Schneeschmelze tatsächlich Wasser führt, meistens aber einfach nur sumpfig ist. 2 mal verschwindet mein Schuh darin und lässt nur meine Socke aus. Oft sind Stege verlegt oder man hüpft von Stein zu Stein.
Weil es sumpfig ist, gibt es massenhaft Blutsauger aller Art und so wirkt ein Wanderer, würde man ihm zuschauen, wie ein um sich schlagender, manchmal hüpfender, fluchender, oft strauchelnder Wahnsinniger, der den Fehler begangen hat, sein Auto zu verlassen.
Nach etwa einer Stunde erreichen wir eine Schotterstrasse mit einem einsamen Haus. Alles ist still, kein Verkehrslärm, nur einsam. Es gibt eigentlich nur wenige Ziele oder interessante Orte am Trail. Er ergibt eigentlich keinen Sinn, weshalb auch fast niemand da geht. Dennoch wird er gepflegt und das ist gut so, weil alles andere totale Wildnis oder private property ist. Der Weg ist, was er ist, eben der Trail.
Auf dem Rückweg bemerke ich, wie ich ruhiger werde, wohl auch ein bisschen irre. Ich kann es genießen in seiner Anspruchslosigkeit. Ohne auch nur einen einzigen Elch gesehen zu haben, erreichen wir unser Auto und fahren weiter, um wenigstens einen Blick auf die Höchsten der White Mountains zu erhaschen. Das ist nicht so einfach, weil hier scheinbar kein Wald gerodet wird, um dem Reisenden eine Aussicht zu bieten. Ansonsten nicht der Freund vom Kahlschlag, freue ich mich dann doch, als er sich an einem Parkplatz offenbart.
Einer von den Gipfeln in der Ferne ist der Mount Washington. Ich tippe auf links hinten.

Montag, 6. Juni 2011

Ich höre

Gerade höre ich das sanfte Summen des Hauses, dessen Technik uns mit der gewählten Temperatur und Frischluft verwöhnt.
Draußen höre ich echte Vögel, auch Spechte.
Nachts höre ich dicke , unheimliche Insekten, die sich gegen das Fenster werfen.
Beim Frühstück knallt ein Vogel gegen die Scheibe.
Und bis zum Umfallen höre ich zur Zeit diesen Song:

http://www.youtube.com/watch?v=7D3v9VkCdjQ

Sonntag, 5. Juni 2011

Das Espresso-Problem

Wir trinken gerne Espresso. Den gibt es hier selten. Unter anderem bei einer großen Kette, namens Dunkin' Donuts. Dessen Personal sind Ältere, Verzweifeltere und weniger gebildete Menschen, oft auch Immigranten. Das erschwert zuweilen die Verständigung.
Starbucks ist urbaner, beschäftigt Studenten, smarte Jugendliche, ist aber nicht flächendeckend verfügbar.
Zugegeben: In diesem Land ist jemand, der einen einfachen Espresso ohne Milch oder Zucker oder Flavours oder tonnenweise andere Milchprodukte möchte, ein hoffnungsloser Exot.
Wir wollen trotzdem unseren Kaffee haben.
Heute scheiterten wir mit der Bestellung: without milk and without sugar.
Es wurden Milchkaffees. Dabei wirkte der Typ, als hätte er es kapiert.
So haben wir heute mit einer Linguistikexpertin eine neue Formel entwickelt, die zu mindestens 98% das richtige Produkt liefern sollte:

One expresso, single shot plain with nothing in it!


Leider bleibt die 2%ige Chance, dass with nothing in it  falsch verstanden werden könnte und man einen leeren Becher bekommt. Der Realitäts-Check steht noch aus.

Der Appalachian Trail durchquert Hanover und nach einer Stärkung in einem großartigen Diner, wollen wir ihn ein wenig begehen. Dieser Weitwanderweg erschließt die gesamte Länge der Appalachen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Appalachian_Trail
Man braucht Monate, ihn komplett zu begehen und es kann recht unangenehm werden, wegen Bären, schlechten Markierungen und den unberechenbaren Waffenträgern in den Wäldern.
Wer wissen will, was einem reifen Mann so alles auf dem Trail passieren kann, lese Bill Bryson.
A Walk in the Woods: Rediscovering America on the Appalachian Trail. (1997) (dt. Picknick mit Bären., 1999)
Der Legende nach sollte jeder amerikanische Mann einmal im Leben diesen Trail gehen.
Wieder mal begegnen wir einem Mann mit Dog, den wir nach dem schwer zu findenden Einstieg fragen.
Er bietet uns an, ihn zu begleiten auf einer kleinen Runde. Der Weg ist gut markiert mit weißen Strichen.
Wenn er einen Haken schägt, wird dies mit 2 Strichen angekündigt. Darauf wären wir nie gekommen.
Der Mann arbeitet als Programmierer im Rahmen des Cyberwars und ist von Boston nach Hanover gezogen, um seinen Kindern die Großstadt zu ersparen. Im Winter fährt er Tourenschi. Dafür gibt es zahlreiche kleine Trails (Wanderwege), weil es keine Schilifte gibt.
Wenn  dann Lifte gebaut werden, verwachsen die Trails wieder. Auf unserem Weg begegnen uns nur 2 Leute. Der Appalachian Trail scheint nicht sehr frequentiert und keinesfalls finden wir die Spuren jedes amerikanischen Mannes. Wäre er eine Autobahn, wäre das anders.
Ohne einen einzigen Elch gesehen zu haben, beenden wir die schöne Wanderung mit einem köstlichen Espresso bei Mollys. Und der ist perfekt, obwohl ich mit meinem Bestellungsgestammel fast den Mann an der Bar verwirrt hätte.



DRINK COFFEE
Do stupid things
faster with more
energy

New Day, New Life

5. Juni

Gestern haben wir eine erstaunliche Entdeckung gemacht, für hiesige Verhältnisse: Man kann den See komplett umwandern. Das dauert ein paar Stunden, ist aber wunderschön. Angeblich kann man Elchen begegnen, aber auch Schwarzbären und Füchsen. Wir begegnen lediglich dem Manager des Schigebietes von Dartmouth College. Sein Hund ist ein Labrador namens Emma und tut uns angeblich nichts, wenn wir sein Herrchen in Ruhe lassen.
Er meint, Amerika sollte von den Europäern einiges lernen, wie etwa die freie Zugänglichkeit der Natur. Wow!
Hier gäbe es auch eine Menge Wanderwege, die aber heimlich existieren und nicht beworben werden. Es geht da um die Unfallgefahr und die Angst der Besitzer, verklagt zu werden.
Er selber ist den Weg noch nie komplett gegangen. Ich verspreche ihm, bei Gelegenheit von der kompletten Umrundung zu berichten und Fotos zu zeigen.
Die Wegmarkierung ist sensationell gelöst: Alle paar Meter stecken blaue Quadrate an den Bäumen.

Einige nette Strände, gepflegt, sauber mit Kinderspielgeräten warten auf Familien mit Kindern.
Weil die Gefahren überall lauern, wird umfassend vor allem gewarnt. 
Ich vermisse die Typen mit den Metalldetektoren.





Lady Slipper heisst auf Deutsch Frauenschuh und ist eine Orchidee
Den ganzen Weg begleiten uns Felsbrocken, die im dichten Wald herumliegen, als wären sie vom Himmel gefallen. Ich verdächtige die letzte Eiszeit und die mächtigen Transportbänder ihrer Gletscher.
Wir erreichen unsere Unterkunft ohne einen einzigen Elch gesehen zu haben.

















Am Nachmittag gibt es Shopping light in Wal Mart und Sportgeschäften, denn Jutta möchte ein T-Shirt von den Dallas Mavericks, weil sie Dirk liebt (German Wunderkind) und ich ein Kapperl zum Laufen und Boxershorts, weil ich sonst nichts brauche. Damit füllt man keinen Einkaufswagen im Wal Mart und so kaufen wir noch einen kleinen roten Trolley, in dem wir nachher noch einen roten Rucksack finden, in dem wir noch eine kleine rote Kulturtasche finden, in der wir endlich nichts mehr finden. Das alles kostet fast nichts und ist den meisten Kunden dann auch vermutlich nicht viel wert. Die meisten Kunden sind beleibt und tragen das Unglück des Planeten ins Gesicht geschrieben. Nichts wie weg.
Vom grausigen Lebanon ins gepflegte Hanover zur versprochenen Campustour guided by daughter and friend. Eigentlich haben wir alles schon mal gesehen, aber das Wetter ist schön und wir müssen Wal Mart abschütteln. Wir begegnen Long. Auch seine Eltern kommen und gegen ihre Anreise aus Shanghai sind wir Weicheier. Ihre Flugreise über Detroit dauert 20 Stunden. Wir werden ihnen begegnen.
Nicht unbedingt begegnen möchte ich George Bush sen., der geehrt wird. Er ist 86 Jahre alt und sitzt manchmal im Rollstuhl. Angeblich hat er versprochen, mit 90 nochmal mit einem Fallschirm abzuspringen. Möge er bei der Landung seine Sohn treffen und nicht einen unschuldigen Elch. Seine Anwesenheit und Ehrung war heftig umstritten. Die Verwaltung hat sich dann doch durchgesetzt.
Noch ist es relativ ruhig in Hanover. Die meisten der 3.500 erwarteten Gäste kommen erst kurz vor der Veranstaltung und dann wird es rappelvoll. Dank ausgezeichneter Kontakte werden wir ziemlich weit vorne sitzen. Es wird Regen erwartet.

Franzi bleibt in Hanover und wir sind allein im Haus am See. Nach einigen blöden Witzen (The Shining, You know?)  muss ich die Türen besonders gut verschließen.



Samstag, 4. Juni 2011

New Hampshire

3. Juni

Endlich unterwegs. Nach ewigem Anstehen, ließ uns der Immigration Service ins Land. Die Autovermietung fiel als letzte Bastion, nachdem ich mich über Miss Atkinson beschwert hatte (so unfriendly) und wir haben unseren Chevy. Selbst der Mörderstau vom JFK hinaus kann uns nur zwei Stunden (allerdings auch die letzten Nerven und die letzte Kraft) rauben.
Eine Nacht schwer gejetlagt später, nach den Riesenbetten und einem großartigen Frühstück in einem Holiday Inn in Mount Kisco, geht es nach Norden durch grüne Hügellandschaften an wenigen Städten wie Hartford, Springfield vorbei.
Noch vor unserem eigentlichen Ziel: Hanover, NH sehen wir in einem Dunkin' Donuts den ersten Elch.
Er verhält sich ruhig, als ich ihm ins Geweih greife, spuckt aber reichlich Wasser.

4.Juni

In Hanover pustet der Wind stürmisch und weht Studenten über die Hauptkreuzung. Endlich treffen wir Franzi und Matt.
Unser Basislager liegt in der Nähe an einem wundervollen See.  An dessen Ufer stehe ich um 5 Uhr früh im Bademantel und beobachte den Dunst, der im frühen Licht über das Wasser treibt. Wenig später erfahre ich, dass ich 3 Grad Celsius überlebt habe. Die Luft riecht fantastisch, doch kein Elch.

Auf Reisen sind oft gerade die Dinge anders. mit denen man täglich zu tun hat. Das Bett hat z.B. die Höhe eines Sprungpolsters beim Stabhochsprung und ich fürchte mich davor, durch eine ungeschickte Drehung auf den Laptop zu fallen.
In der höchst komfortablen Dusche sorgt eine Batterie von mindestens 3 Hebeln bei entsprechend kombinierter Benutzung für Wasser warm oder kalt aus festem oder mobilem Duschkopf. Versuch und Irrtum lassen mich mehrmals kalt nass werden, bis ich endlich im heissen Sprühnebel stehe. Ausserdem:
Gibt es hier keine Klobürsten?
Der Drehknopf als Türverschluss und der Reißwolf im Spülbecken.
Es geht uns verdammt gut.

Ich lese in der ZEIT einen Artikel (Seeschlacht). Ein Herr Becker hat bei Berlin einen ganzen See um 400.000, - € gekauft, um damit Gewinn zu machen. Immer mehr empöre ich mich beim  Lesen, zusätzlich gepusht vom starken Kaffee, dass die Politik das zulässt. Mittlerweile ist dies auch nicht mehr möglich. Das sind einfach grundsätzliche Tabus, der Handel mit der Natur. Irgendwo muss eine Staumauer private Gier eindämmen.
 "Unser" See hier ist umzingelt von privaten Besitztümern, hat aber zumindest einen Rundweg.
Auch global sollte immer mindestens ein Rundweg gewährleistet sein, der es allen Menschen ermöglicht, die Kontinente zu erwandern . Eine unvorstellbare Utopie.

Da kommt gerade Jutta. Sie schafft es nicht, in der Dusche das Wasser abzudrehen. Dazu habe ich einen heißen Tip.

Samstag, 28. Mai 2011

Achtung Kunst

Friedo Niepmann reist in Sachen Kunst über die Alpen, um die Biennale in Venedig zu stürmen.
Seine Elefanten sind elektrisch und er postet unterwegs. Auf keinen Fall verpassen oder lieber gleich mitreisen!!!!!
http://aktmalerin.blogspot.com/

Mittwoch, 25. Mai 2011

Neue Kollektion

Bei OBI gibt es derzeit Gartenklamotten von Pierre Cardin im Angebot.
Nicht verpassen, sie sind gut anliegend und leicht zu reinigen. 

Sonntag, 8. Mai 2011

Von Wien nach Melk mit dem Rad









Zwentendorf -
Die österreichische Antwort auf Atomkraft:
Abschalten und genießen!






In der Wachau fand ich am Fels über dem Radweg eine Gedenktafel für den Landespolitiker, der in den 60ern die Straße durch die Wachau gebaut hat. (Warum sagt der Österreicher eigentlich nicht "Wauchau", wo er doch auch "Gaugau" zu "Kakau" sagt?)
Da steht, er habe ungeheuer viel getan für die Region und ihre Bewohner, diese einmalige Landschaft für die ganze Welt zu erschließen. Unter mir brüllt die Straße zur Bestätigung, während ein Cabrio zum Überholen ansetzt. Der entgegenkommende Ausflugsbus, stoisch wie auf Schiene, erwischt sein Heck so wirkungsvoll, dass das Cabrio zu einem wilden Tanz um die eigene Achse ansetzt und dabei eine Gruppe Radfahrer aufmischt, die entgegenkommt. Das macht uns hungrig und wir setzen unseren Weg nach Melk an der Schweinerei vorbei fort durch Touristenströme, Männer, die Weinkartons in die aufgesperrten Ärsche ihrer Limousinen verladen. In Weissenkirchen senken sich die Bahnschranken für eine dieselbetriebene Regionalbahn. Als der Zug pfeifend vorbeifährt, regt sich eine trachtgepanzerte Dame auf, denn der Zug ist flächendeckend besprüht mit wilder Graffity. "Dafür gibt es Geld" geifert sie und das metallische Grün ihres Trachtenharnischs flammt fanatisch auf.

Dienstag, 3. Mai 2011

Frohnleiten












Bekannt wegen? Richtig, seiner beheizten Gehwege, ein herrliches altertümliches Städtchen am Murufer, reich geworden von all den reichen Rentnern, die zur Reha mit ihren Krücken antanzen. Leicht zu übersehen, aber absolutes Muss: Ein Besuch im "Filou", einem Pub an der Murpromenade, in dem sich die Jugend trifft.
Der Bürgermeister bittet, die Gänse im Park nicht zu füttern, weil die sich dadurch gewaltig vermehrt haben und dies durch exzessives Kacken auf Wiesen und Wege zum Ausdruck bringen. Ich trete als erstes einmal auf eine Kröte, der das nicht allzuviel ausmacht. Noch schwieriger wird es, den Gänsewürstchen auszuweichen, die in der Abenddämmerung kaum auf dem Weg zu erkennen sind. Krückengänger tun sich das überhaupt nicht an. Auf einem Plakat wird für das Murtal-Duo geworben, das mit seinem Hit "Frohnleiten, Perle der Mur" demselben huldigt.










Morgen eröffnet der erste Erlebnisfriedhof Österreichs mit interaktiven Grabsteinen und einem Themenweg "Tödliche Seuchen und Krankheiten". Als dramatischer Höhepunkt wird die Leiche des Alt-Landeshauptmanns exhumiert und soll mithilfe des Murtalduos reanimiert werden. Der ortsansässige Produzent der Gehhilfen stellt seine neuesten Modelle vor, mit eingebautem Navi, mit solargespeisten Elektroschockern, mit Leuchtdioden, die flirrende Muster krückauf und -ab jagen, mit eingebautem Stamperl und Schnapsspender. Die Veranstaltung endet um 22.00 Uhr mit Feuerwerk und einer Krückenparade.

Sonntag, 13. März 2011

Ein Post Post Post

Nachdem in Zurndorf die Post ihre Filiale geschlossen hat, wurde ein Lebensmittelladen zum Postpartner. Hinter der Kasse befindet sich jetzt der Postschalter. Als ich dort ein Päckchen aufgeben will, funktioniert die Übermittlung des Gewichtes zur Kasse nicht. Die arme Frau rotiert. Das Alter des Computers lässt sich errechnen, wenn man den Grad der Gehäusevergilbung multipliziert mit Fehlversuchen bei der Eingabe von Daten.
Angeblich sind die Bankfunktionen, wie Geldabheben oder -einzahlen fast unmöglich.
Auf Anfrage bereitet der Kundendienst der Post eine Offensive in 2 Etappen vor.
Der Geldverkehr soll mit dem Mondkalender abgestimmt und die Kunden durch Schulungen überzeugt werden, zu einer anderen Bank zu wechseln. Sollte es dann immer noch zu Versuchen kommen, Briefe aufzugeben oder Geld zu beheben (Ältere Leute sind da ja oft hartnäckig), erwägt man, ehemalige Straftäter als Postpartner einzusetzen an Orten wie Altstoffsammelstellen, Kläranlagen oder Friedhöfen.

Dass dies kein österreichisches Phänomen ist, zeigt mein Versuch, ein Geburtstagspäcken in die USA zu schicken. Ich spreche nicht von Alaska sondern von der hochentwickelten Ostküste.
Das Teil ist jetzt schon 5 Wochen unterwegs. Wir vermuten, dass die Homeland Security jedes einzelne Teil des Paketinhalts elektronenmikroskopisch untersucht und Duplikate erstellt, die dann 3 Jahre archiviert werden.

Es könnte sich aber auch um eine globalisierte Kampagne handeln, die Post weltweit in Misskredit zu bringen. Dahinter stecken mafiaähnliche Strukturen, die diese Dienste dann anbieten werden, um an jedes Paket ein Drogenpäckchen anzuhängen.
Aber vielleicht sind die Postmanager auch einfach nur ausgebrannt, verstimmt, übellaunig oder degeneriert.

Sonntag, 6. März 2011

Die Welt der Bullen












Aus Spargründen wurden die Fahrzeugflotten von Polizei und Red Bull fusioniert. Dazu musste das Design nicht einmal angepasst werden. Auch handelt es sich in beiden Fällen um Bullen. In die Energydose kann bei Bedarf Tränengas oder Wasser zur Bekämpfung randalierender Horden eingefüllt werden.
Ein weiterer erwünschter Effekt entsteht durch die Mischung einer beliebten mit einer eher unpopulären Marke: Es wird weniger Red Bull getrunken während man sich bei Amtshandlungen beflügelt fühlt.

Sonntag, 27. Februar 2011

Mahlzeit in Wien

Was für Rolle?

Eggenburg ist schön und tot




















Der mittelalterliche Kern, von beeindruckendem Mauerwerk umgeben, wirkt verlassen.
Geschlossene Läden, einige wenige Touristen und einheimische Autos, die am Hauptplatz ordentlich Gas geben und das Standardrepertoire bestehend aus Chinarestaurant und einem Schlecker. Die mittelalterlichen Fassaden schauen zu und nicken gleichgültig, haben sie doch schon ganz andere Unannehmlichkeiten überstanden.
Oben: Das Ossarium mit wunderschön sortierten Knochenteilen, ehemaliger Bewohner
Unten: Ein Hinweis auf zeitgenössische Erinnerungen

Sonntag, 30. Januar 2011

Puchberg













Theo wollte mal den Felsen in El Cabrito wegsprengen, damit die Sonne länger auf den Strand scheint. Daran dachte ich, als wir in Puchberg den verfrühten Sonnenuntergang Ende Januar erlebten. Auch hier könnte eine Sprengung helfen, wieder ein wenig Licht in einen Ort zu bringen, der abgenutzt von seiner genialen Lage am Schneeberg, niedergetrampelt von den blutsaugenden Städtern, kulturell trockengelegt, aber gut versorgt mit Supermärkten ins Dunkel fiel.



Samstag, 22. Januar 2011

Dante's Inferno in Rust/Neusiedler See


Ist es nicht mächtig gelungen, das neugebaute Rehabzentrum von Pro Mente? Wieviel Gefühl muss ein Architekt haben, einen Komplex so zu planen, dass er wie ein Ufo wirkt, das neben einem Dörfchen notlanden musste?
Geht denn keiner der verantwortlichen Politiker, Investoren, Bauträger mal schauen, wie sein Objekt von weiter weg aussieht? Oder sollte Rust einfach versteckt werden? Eindeutig liegt hier ein architektonischer Amoklauf vor, den keiner von vielen verhindert hat. Hauptsache, das Ding spült Kohle an, groß ist geil. Was für eine Skyline! Wär schön, wenn der Winzerkönig nach einem Burnout gleich zu Fuß zur Therapie gehen könnte und seine Serie als Rehabsoap ihre Fortsetzung fände.














Nicht ganz mit dem gleichen Elan und mit mäßigem Erfolg wurde wohl versucht, ein unglaublich schönes Ensemble direkt bei der Kirche der Jugend zu widmen.










Freitag, 31. Dezember 2010

Bielefeld Revisited


Wegen anhaltender Schneefälle brach der Personenverkehr völlig zusammen. Seltsamerweise ist damit der Autoverkehr gemeint. Und das war gut, denn ich konnte erstmals seit einigen Jahren die Straße ungefährdet überqueren und es roch merklich besser. Natürlich war auch erstmals die Stille Nacht eine wirklich stille Nacht. Es war immer noch schwierig, durch die Straßen zu gehen, weil die havarierten Autos kreuz und quer standen, sich zum Teil übereinander geschoben hatten und niemand in der Lage war, die Halden abzubauen.
Der Deutsche, gewohnt, fast alle Wege motorisiert zurückzulegen, blieb zuhause und tickte fast aus vor soviel Ruhe und Stillstand. Da entlud sich einiges in den Familien und den Stammkneipen. Natürlich wurde auf die Stadt geschimpft, die ja immer noch mit Steuergeldern versorgt wurde, um alles Wichtige zu gewährleisten. Der Bürgermeister und die Stadträte hatten sich schon mal in den Schiurlaub verdrückt und ein paar untergeordneten Beamten den undankbaren Job überlassen, wütende Bürger zu beruhigen und der Presse ein paar Lügenmärchen aufzutischen. Die wohlhabenden Bürger konnten sich selbst organisieren, indem sie ihre Wohnbezirke von eigenen Trupps räumen ließen oder einfach in die Luft auswichen.
Dass es böses Blut gab, wurde in Kauf genommen und mit einem verständnisheuchelnden Schulterzucken kommentiert. Sie waren ja immer irgendwo wichtig und wurden dringend gebraucht. Jetzt wurde langsam klar, wohin die Umverteilung des gemeinsamen Vermögens führen sollte. Es ging wirklich um die Vorbereitung auf das allgemeine Chaos.

Freitag, 10. Dezember 2010

Stadtrat Gerstl, Wien meint ...

man müsse das Rowdytum bei den Radfahrern bekämpfen.
Dann wären vielleicht auch die Leute von der Résistance einfach Rowdys gewesen, Robin Hood der Oberrowdy, Spartakus, Daniel Ellsberg und viele andere.
Ein simples Weltbild, das nicht hinterfragt, was diese störenden Freaks dazu gebracht hat, rowdyhaft zu werden.
In einer mobilen Stadtwelt der Neuzeit gibt es wie in der Tierwelt Räuber und gemütliche Pflanzenfresser. Wer sind denn nun die Räuber? Da sucht der Gerstl mal zuerst bei den Radfahrern mit ihren panzerbrechenden PS-starken Monstermaschinen, die leicht ein schmächtiges SÜVchen plattmachen oder gar spalten könnten. Die sind sicher bereits mit diesen mörderischen Rowdygenen geboren worden und haben die einst friedlichen Autofahrer erst so angriffslustig gemacht. Die handeln in Notwehr, wenn sie mal so einen Radrowdy auf der Kühlerhaube mitnehmen.
Was Gerstl aber noch bisher unterschätzt, ist die kommende Gefahr des Rowdytums bei Fußgängern, die an Zebrastreifen gleich Selbstmordattentätern in friedlich einbiegende Autos hineinrennen und diese häßlich verbeulen, anbluten und deren Fahrer (-innen) schrecken.
Ist es nicht an der Zeit, für Fußgänger wie für Radfahrer in Städten ein psychologisches Gutachten zu verlangen und sie monatlich zu testen auf ihre Bereitschaft zu aggressiven Akten. Auch die Polizei sollte geschult werden, diese neuen Gefahrenquellen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig aus dem öffentlichen Verkehr zu extrahieren, anstatt Autofahrer mit lästigen Tempokontrollen zu nerven.
Wie wäre es, mit Warnschildern, die an Radwegen warnen vor Radlerattacken oder an Zebrastreifen vor aggressiven Überquerulanten?
Gerstl, der Mann, der die Gefahren sieht!

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Zahnarzt Emergency im 21.Bezirk Wien

Enges Wartezimmer mit Sperrmüllfeeling. Aus dem Fenster springe ich in den Hof eines dieser grauen Gemeindebauten im Kasernenstil mit seinen noch graueren Bewohnern, tristen Einfahrten, suizidären Stiegenhäusern. Nicht mal eine Klingel für Frau Doktor. Von oben tropft ein Paar. Der Mann hält ein Taschentuch auf seinen Mund gedrückt, als hielte er einen angestauten Müllhaufen aus Eiter, Zahnfleischfetzen, Knochen- und Zahnsplittern in einem schäumenden Meer aus Blut zurück, das den 21. Bezirk wie die Mure Gottes. Das wäre die Erlösung für das lebensmüde Floridsdorf. Wir folgen der Blutspur und finden die Ordination von Frau Dr. M. Meine Frau nimmt Platz am Fenster bei dem winzigen Zeitschriftentisch mit seinem Turm aus Boulevard, etwas zerfetzt und zerfleddert. Vor uns sind etliche, uns gegenüber eine schnauzbärtige, männliche Kugel, schweigsam, den Blick des Delinquenten vor der Hinrichtung gesenkt. Wer hier sitzt, kennt seine Sünden, ahnt seine Strafe und hofft auf ein besseres Danach. Ein junger Mann rennt nervös herum, brabbelt vor sich hin. Als er drin ist, gibt es Geschrei. Dr. M. schreit ihn an, droht mit der Polizei und schmeißt ihn schließlich raus. Er faselt noch etwas von "Die kannst du vergessen" und verschwindet. Einer von beiden ist ein Psychopath, ich hoffe der Junge, fürchte aber gleichzeitig die Alternative. Schnauzbart ist dran und kommt schnell wieder raus. Sein Gesicht drückt pure Verzweiflung aus und er spricht in gebrochenem Deutsch von dem grausamen Urteil: Er wird nur noch 2 Schneidezähne behalten. "Sähe ich aus wie Osterhasse", spricht aus ihm der pure Galgenhumor. Wir sehen uns an und lachen ein verhaltenes Lachen, nicht schadenfroh, eher trotzig im Sinne von: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Ab diesem Moment ist er menschlich für mich, nicht mehr der Schnauzbart, sondern der arme Kerl mit dem Schnauzbart, zukünftig der Osterhase, bzw. Österhase, wenn er eingebürgert wird. Und jetzt bin ich dran. Die Praxis erinnert mich an die Werkstatt des Russen in Minority Report, der Tom Cruise neue Augen einsetzt, irgendwie schmuddelig, alte Geräte, wie aus dem zahnärztlichen Museum. Vielleicht liegen auch archivierte Schmerzen herum in einer kleinen Kammer in versiegelten Aluröhrchen. Keine Aufschriften, nur eine zehnteilige Schmerzskala und ein Strichcode.
2 junge hübsche Helferinnen assistieren der Zahnärztin. Männlich herb ihre Stimme, die etwas ungläubig auf meine Ansage "Ftarke Fmerpfen unterm Backenzahn" gnadenlos die Gegenthese formuliert: "Im Röntgen sieht man nichts, der Zahn sieht gut aus". Wohl aber sei die Füllung kaputt, also raus damit. "Fpritze?" versuche ich noch vorzuschlagen, als bereits der Bohrer mit der Arbeit beginnt. "Der Zahn ist eh tot". Was immer an Entzündung da drinnen war, wird gerade unter einem fetten Amalgamfladen versiegelt, um mich weiter zu quälen. Ich fühle mich wie Gorleben mit der Zeitbombe in mir und werde mit Schmerzmittel und einem Antibiotikum ins eisige Floridsdorf entlassen. Vorm Zahnarzt sind wir alle gleich: Kleine Scheisser voller Angst und Pein.